Koreanische Schrift

Koreanische Schrift

Wer zum ersten Mal 한국 sieht, erkennt vielleicht zwei kleine Quadrate aus Linien und Kreisen. Tatsächlich steht dort Hanguk – Korea.

Die Zeichen sind keine Bilder und auch keine einzelnen Silbenzeichen. In jedem Block wohnen mehrere Buchstaben zusammen. Sie rücken nur näher aneinander, als wollten sie beim Schreiben keinen Platz verschwenden.

Buchstaben wohnen in Silben

Das moderne koreanische Alphabet heißt Hangeul – 한글, häufig auch Hangul geschrieben. Es besitzt 24 Grundbuchstaben: 14 Konsonanten und 10 Vokale.

Die 24 Grundbuchstaben

14 Konsonanten

ㄱ · ㄴ · ㄷ · ㄹ · ㅁ · ㅂ · ㅅ · ㅇ · ㅈ · ㅊ · ㅋ · ㅌ · ㅍ · ㅎ

10 Vokale

ㅏ · ㅑ · ㅓ · ㅕ · ㅗ · ㅛ · ㅜ · ㅠ · ㅡ · ㅣ

Im heutigen Koreanisch begegnen uns zusätzlich Doppelkonsonanten und zusammengesetzte Vokale. Sie entstehen aus diesen Grundbuchstaben und werden daher nicht als weitere Zeichen in die Zahl 24 eingerechnet.

Beim Schreiben werden sie zu Silbenblöcken angeordnet. Die Silbe (han) besteht beispielsweise aus ㅎ (h), ㅏ (a) und ㄴ (n). Der folgende Block (guk) setzt sich aus ㄱ, ㅜ und noch einmal ㄱ zusammen.

Dadurch sieht ein koreanisches Wort auf den ersten Blick fast wie eine Reihe kompakter Zeichen aus. Im Inneren arbeitet jedoch ein Alphabet.

Eine Schrift mit Bauanleitung

Unter König Sejong wurde das neue Schriftsystem 1443 fertiggestellt. 1446 wurde es mit dem Werk Hunminjeongeum veröffentlicht. Der Name bedeutet sinngemäß „die richtigen Laute zur Unterweisung des Volkes“.

Bemerkenswert ist, dass die Erklärung gleich mitgeliefert wurde. Die Grundformen mehrerer Konsonanten orientieren sich an der Stellung von Zunge, Lippen, Zähnen und Rachen beim Sprechen. ㄱ verweist etwa auf die Form der Zunge bei einem hinten im Mund gebildeten Laut.

Die ursprünglichen Grundvokale bezogen sich auf Himmel, Erde und Mensch. Aus wenigen Formen entstanden durch zusätzliche Striche und Kombinationen weitere Buchstaben. Von den ursprünglich 28 Zeichen werden im modernen Hangeul 24 als Grundbuchstaben verwendet.

Hangeul ist deshalb nicht nur hübsch anzusehen. Es zeigt, wie sorgfältig Klang, Form und Lernen zusammengedacht wurden.

Jeong wächst langsam

Eine Schrift kann Wörter sichtbar machen. Sie kann aber nicht dafür sorgen, dass jedes Wort bequem in eine andere Sprache passt.

Jeong – 정 wird oft mit Zuneigung, Verbundenheit oder Nähe erklärt. Gemeint sein kann ein Gefühl, das zwischen Menschen entsteht, aber ebenso die Bindung an einen Ort oder eine vertraute Sache.

Jeong muss nicht plötzlich erscheinen. Es kann mit gemeinsam verbrachter Zeit wachsen: durch Mahlzeiten, kleine Gefälligkeiten, wiederkehrende Gespräche und sogar durch manche Reibung. Vielleicht ist „Zuneigung“ die nächste deutsche Tür. Dahinter liegt trotzdem noch ein weiterer Raum.

Nunchi hört auch das Ungesagte

Nunchi – 눈치 beschreibt die Fähigkeit, eine Situation und die Stimmung anderer wahrzunehmen, obwohl nicht alles ausgesprochen wird. Im Deutschen liegen Taktgefühl, Aufmerksamkeit und soziale Intuition in der Nähe.

Das ist keine Gedankenleserei. Es geht um Blicke, Pausen, Tonfall und den richtigen Moment. Gutes Nunchi kann rücksichtsvoll sein. Zu viel Anpassungsdruck kann jedoch auch anstrengend werden. Ein kultureller Begriff ist selten nur bequem.

Han ist keine Nationaldiagnose

Han – 한 kann je nach Zusammenhang Trauer, Groll, unerfüllte Hoffnung oder tief sitzenden Schmerz berühren. Der Begriff spielt in Literatur, Kunst und historischen Erzählungen eine wichtige Rolle.

Trotzdem wäre es falsch, Han als fest eingebaute Eigenschaft jedes koreanischen Menschen zu behandeln. Wörter tragen Geschichte. Menschen bleiben verschieden.

Alte Werte, neue Kürzel

Auch andere Begriffe öffnen kleine Fenster. Hyodo – 효도 bezeichnet die Sorge und Achtung gegenüber Eltern und älteren Familienmitgliedern. Der Ausdruck ist eng mit konfuzianisch geprägten Vorstellungen familiärer Pflichten verbunden, wird im heutigen Alltag aber unterschiedlich gelebt.

Hwaiting – 화이팅 ist dagegen ein moderner Zuruf: „Du schaffst das!“ Und dapjeongneo – 답정너 ist ein Internetkürzel für eine Person, die zwar eine Frage stellt, die gewünschte Antwort aber längst festgelegt hat.

Eine Sprache bewahrt also nicht nur alte Gedanken. Sie erfindet ständig neue Abkürzungen für sehr gegenwärtige Gewohnheiten.

Quellen